Angekommen

Puh, mir fällt grad gar nicht ein, wie ich anfangen soll. Am Morgen nach der Überfahrt wusste ich ganz genau, wie ich das Erlebte dann im Blog beschreiben wollte… Dann vergingen ein paar Tage auf der wunderschönen Insel Graciosa und jetzt ist alles gar nicht mehr so schlimm, wie wir nach der Ankunft dachten🙂

Ich versuch’s mal:

Am Tag vor unserer Abreise in Agadir haben wir uns den aktuellen Wetterbericht geholt und beschlossen, am nächsten Tag auszulaufen. Es war für den ersten Tag Nordwind angesagt (gut), am zweiten Tag Flaute (nicht so gut, aber ok) und für den dritten Tag wieder Nordwind (sehr gut). Als wir dann am nächsten Tag unsere Reisepässe schon abgegeben hatten, um die Ausreise abstempeln zu lassen, holten wir uns noch mal einen Wetterbericht und mussten feststellen, dass aus dem Tag Flaute plötzlich Westwind Stärke 3-4 geworden war. Also genau aus der Richtung, in die wir wollten. Aber zu spät. Die Pässe waren schon unterwegs mit dem Polizisten zum Flughafen für die Stempel. Sollten wir dem einfach sagen, dass wir jetzt doch bleiben wollen? Oder sollten wir es einfach wagen und schauen wie es uns da draußen geht?

Also machten wir uns mal auf den Weg. Am ersten Tag konnten wir gut segeln (Wind aus Nordwest), es war zwar noch eine ziemliche Restdünung aus Südwesten vorhanden, aber wir kamen gut voran. Zwar sehr schaukelig, aber es ging. Dann am zweiten Tag der Westwind. Mit Motor eine Geschwindigkeit von 1 Knoten, dann unter Motor und Segel eine Geschwindigkeit von 2,5 – 3 Knoten. Natürlich mussten wir dann kreuzen. Restdünung von irgendwoher und neuer Seegang aus Westen, also ein ziemliches Wellendurcheinander und wir konnten weder kochen noch gut schlafen. Und das für volle 24 Stunden. Da wir dann aber schon mehr als die Hälfte der Strecke hinter uns hatten, wollten wir auch nicht mehr umdrehen. Am nächsten Tag sollte derWind ja wieder auf Nord drehen.

Tatsächlich stellte sich am nächsten Vormittag der Wind dann aus der richtigen Richtung ein und zwar gleich mit 4-5 Windstärken und wir brausten mit gerefften Segeln mit durchschnittlich 6 Knoten dahin. Was für ein wilder Ritt. Dazwischen kriegten wir immer wieder Regenschauer ab, echt super…

Regenwetter am Atlantik

Durch den Gegenwind am Vortag würden wir nun aber mitten in der Nacht ankommen. Wir wälzten alle Handbücher und Karten zu dem Gebiet, aber nirgends wurde vor einer Nachtansteuerung der Isla Graciosa gewarnt. Dann würden wir es wohl schaffen.

Richtig mulmig wurde uns dann noch, als die Wassertiefe ziemlich plötzlich von mehr als 1.000 Metern auf 150 Meter anstieg und sehr chaotische Wellen entstanden. Unserer THOR wurde ständig abwechselnd einmal links das Deck gewaschen, dann wieder rechts – und das über mehrere Stunden hinweg in abenteuerlichem Rhythmus. Man will nur noch, dass es endlich aufhört…. Da hatten wir aber noch 30 Seemeilen vor uns. Also bei unserer Geschwindigkeit würden wir noch rund 6 Stunden unterwegs sein. Irgendwann setzten wir uns dann händchenhaltend nebeneinander ins Cockpit, an der Sicherheitsleine eingepickt und mit den Beinen irgendwie abgespreizt, damit wir nicht von der Bank runterfallen🙂 Im Licht der untergehenden Sonne konnten wir noch die ersten Inseln ausmachen, dann wurde es dunkel.

Wer ganz genau schaut, kann die erste Insel am Horizont entdecken

Unser Plan war, uns für das Ankermanöver so gut wie möglich eine Nachtsicht anzueignen. Jedes Licht wurde ausgemacht. Über den Navi-Laptop wurde eine rote Klarsichthülle geklebt, die Augen klebten direkt am GPS um den Weg zwischen den Inseln zu finden. Im Revierhandbuch wurde die Ansteuerung der Ankerbucht von Nordost vorgeschlagen. Aber dort war der Kanal zwischen den Inseln nur eine Meile breit, dazwischen flache Stellen von 4 – 6 m Wassertiefe und wir hatten mächtig Seegang aus Nordost. Bei Tageslicht völlig ausreichend, waren wir uns aber einig, dass wir die Insel im Norden umrunden würden und dann die Ankerbucht von Südwesten ansteuern wollte. Übermüdet wie wir waren, sicher die richtige und sichere Entscheidung. Zwischen der Insel Graciosa und Alegranza war ausreichend Platz und wir konnten die Ankerbucht sicher ansteuern. Der Himmel war stockdunkel, die Sterne die uns die Nächte davor gute Sicht bescherten, wurden ausgerechnet in dieser Nacht von Wolken verdunkelt.

In der Ankerbucht an die 20 Boote (!) und ein Fischer, der die volle Arbeitsbeleuchtung anhatte. Unsere gute Nachtsicht war durch die grellen Scheinwerfer sofort weg und mit dem Handscheinwerfer, Stirnlampen und GPS suchten wir uns ein Plätzchen in der letzten Reihe. Der Wind blies schon ziemlich heftig, für die nächsten Tage war noch stärkerer Wind vorhergesagt. Aber gut, auf 11 m Tiefe ließen wir dann den Anker fallen, 50 m Kette, alles gut! Nach einem Glas Wein sind wir dann sofort in unsere Kojen gefallen und schliefen uns erst mal so richtig aus. Obwohl, wenn man so im 3-Stunden-Wachrhythmus ist, hat man einen ziemlich leichten Schlaf und ich war dann auch immer wieder mal wach und hab nach dem Anker geschaut. Aber alles gut. Christian war durch nichts mehr zu wecken, schlief wie ein Stein🙂 Ehrlicherweise muss ich hier gestehen, dass er die eine oder andere Wache für mich übernommen hat, weil ich mich zu mancher Stunde doch ziemlich fürchtete… Aber mittlerweile hab ich echt volles Vertrauen in unser Schiff gefasst (es kippt selbst bei diesen Wellen nicht um🙂 ) und mein Skipper trifft sichere Entscheidungen.

Der nächste Morgen entschädigte uns dann für die Strapazen. Die Isla Graciosa ist eine der schönsten Inseln des gesamten Insel-Archipels der Kanaren. Weißer Sandstrand, türkises Wasser, die ganze Insel unter Naturschutz…. Hier wollen wir länger bleiben, mehr dazu und Bilder im nächsten Blog-Beitrag!

Am Morgen danach auf dem Ankerplatz - im Hintergrund sieht man schon Lanzarote

Wie gesagt, jetzt – 4 Tage später, ist alles gar nicht mehr so schlimm. Aber das nächste Mal warten wir einfach mit der Abfahrt, bis der Wind besser passt. Dann muss halt der Zollbeamte uns noch einmal einreisen lassen. Egal. Wie Bernd, unser Freund von der SY Traumjäger, immer so schön im Hinblick auf das Wetter sagt: „Geduld, Geduld, Geduld“ … wie recht er hat!🙂

3 Gedanken zu “Angekommen

  1. Also da seid ihr ja janz schoen durchgeruettelt worden. Puhhhhh, toll, dass ihr das geschafft habt. Ich bin stolz auf Euch!🙂

    Liebe Gruesse

  2. „Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben“ – SUPER gemacht; bin dort sogar 3 h unter „blankem Mast“, nur um bloß im Hellen anzukommen !!!
    Aber so wachsen Eure Seebeine mehr und mehr😉 – und die THOR nimmt so schnell nix übel😉
    Bleibts plumperlgsund und habt ne gute Zeit 🙂
    Lösung d Bilderrätsels : Stb, rechts neben der 2.Rel.stütze…..
    das „Lösungs-Bier“ bekomme ich dann irgendwann mal wieder auf der THOR😉

  3. Puh, ganz schön abenteuerlich.. tapfere Segler seid ihr – aber vielleicht ganz gut, wenn ihr sowas auch mal mitmacht und alles gut gegangen ist😉 Alle jetzt gemachten Erfahrungen sind euch sicher für die „große Überfahrt“ behiflich, oder nicht?? Wünschen euch ganz liebe Grüße – genießt euer wunderschönes Fleckchen!! Bei uns wirds grad immer düsterer – Nebel, Nebel, Nebel – es „herbstelt“..
    Irene, Hans, Anna Lena & Laurenz-Zwerg

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