Von Puluwat nach Woleai

Unsere Abfahrt aus Puluwat verschoben wir immer wieder, weil es uns einfach so gut dort gefiel. Wir hatten nun auch schon ein paar Freunde im Dorf gewonnen und auch sie waren recht einfalllsreich, wenn es wieder darum ging, uns noch etwas länger auf der Insel zu haben.

Das 30 Jahre alte Segel vom Segelkanu brauchte dringend Reparaturen und so machten sich dann auch im Laufe der Tage die Männer daran, aus alten Segeln, die ein paar Yachties hiergelassen hatten, den Zuschnitt für ein quasi „neues“ Segel zu fertigen. Plötzlich tauchten auch drei Nähmaschinen auf, die zu reparieren waren und da war Christian wieder voll im Einsatz. Er hat sich dann aber auch gleich Iber geschnappt und ihm gezeigt, wie sie dies in Zukunft selber reparieren können. Meist brauchte es nur ganz viel WD40 und die richtigen Einstellungen bei der Fadenspannung usw.

Langsam hatte sich auch rumgesprochen, dass ein Arzt vor Ort ist und so kamen immer wieder ein paar Segelkanus mit Patienten bei uns vorbei bzw. vermittelte Iber wenn wir im Dorf waren ein paar ärztliche Beratungen. Zum ersten Mal konnten wir auch so richtig Gebrauch von unserer Bordapotheke machen. Puluwat gehört zum Staat Chuuk und dort geht es so korrupt zu, dass alles in der Hauptstadt bleibt und auf den äußeren Atollen fehlt es an allen Ecken und Enden. Zwar gäbe es ein Medikamentendepot, aber dort fehlt es vor allem an einer geschulten Person und den notwendigsten Basismedikamenten.

Nachdem wir uns irgendwann doch durchgerungen hatten weiterzufahren, wurden wir bei unserem Abschied aus dem Dorf noch reichlich beschenkt. Vor allem an Proviant sollte es uns nicht fehlen. Wie ein traditionelles Segelkanu wurden wir mit Kokosnüssen in allen Reifestadien beliefert (ca. 25 Stück), eine große Staude Kochbananen (sind so ca. 60-80 Bananen) und eine kleinere Staude süßer Bananen landeten ebenfalls bei uns im Cockpit. Eine dritte Bananenstaude konnten wir gerade noch so ablehnen, ohne jemanden zu beleidigen. Dies erschien unseren Freunden gerade ausreichend Proviant für die 350 Seemeilen lange Strecke nach Woleai, für die wir 3-4 Tage eingeplant hatten. Natürlich viel zu viel! Dann gab es für uns noch Halsketten und Kopfschmuck aus bunten Perlen, ein letzter Spaziergang durchs Dorf und wehmütig gingen wir Anker auf. Eine der schönsten Insel unserer bisherigen Reise lag bald in unserem Kielwasser und wir machten uns zu den Outer Islands von Yap auf, genauer gesagt nach Wol eai.

Die Überfahrt war fantastisch, drei Tage lang Backstagsbrise, Sonnenschein, sternenklare Nächte und gute Geschwindigkeiten. Die Einfahrt durch den Pass nach Woleai war einfach und vor Anker erwarteten uns schon die Lorelei mit Paul und Lisa an Bord sowie die amerikanische Segelyacht Carina mit Leslie und Philip, die wir auch schon aus Pohnpei kannten.

In unseren Köpfen schwirrten noch so viele Eindrücke aus Puluwat herum, dass wir erstmal ein paar Tage brauchten, um uns ganz auf Woleai und seine Bewohner einzulassen. Dort wurden wir auch wieder sehr freundlich aufgenommen, die zwei Chiefs wurden mit einem Sack Reis von uns beschenkt und so hatten wir die Erlaubnis uns im Dorf und auf der Insel frei zu bewegen. Überall wo wir vorbeigingen wurden wir gleich zum Essen eingeladen und wenn wir gerade keinen Hunger hatten, wurden uns ein paar Bananen und Kokosnüsse mit auf den Weg gegeben.

Der Alltag scheint auf der einen Seite noch recht traditionell abzulaufen. Die Kleidung ist noch um Einiges traditioneller als in Puluwat. Die Männer tragen Lendenschurze und die Frauen einen Lava-Lava. Das ist ein von den Frauen selbst gewebtes Tuch in den buntesten Farben, meist mit einem Streifenmuster, das dann mit einer Schnur als Rock um die Hüfte gewickelt wird. Drunter und drüber wird nichts getragen.

Die Arbeiten sind streng zwischen Männern und Frauen aufgeteilt, auch Abends beim Tuba-Trinken (ein Getränk aus vergorenem Kokospalmsaft) sind die Frauen nicht erwünscht und Tuba-Konsum ist ihnen auch nicht erlaubt. Nur zum Abendessen trifft sich die Familie dann gemeinsam. Dafür dürfen die Mädels Betelnuss kauen und ganz stolz lachen sie uns dann mit rot verfärbten Zahnstummeln entgegen.

Ähnlich ging es ja auch schon in Puluwat zu. Dort durften sich die Frauen den Plätzen, wo die Männer arbeiteten, tranken und aßen schon nähern, aber nur auf den Knien rutschend oder gebückt kriechend! In der Familie darf das Geschirr von männlichen Familienmitgliedern nicht von den weiblichen Familienmitgliedern verwendet werden und auch die Wäsche muss getrennt gewaschen werden. Für uns völlig unvorstellbar. Diese Einblicke bekam ich aber auch nur, wenn Christian bei den Männern saß und ich mich zu den Frauen in die Kochhütte verdrückte. Auf die Frage, ob die Frauen dass denn nicht mühsam finden würden, gab es eine ganz einfache Erklärung: sie sind halt so aufgewachsen und erzogen worden und dann ist das ganz normal… Diese Traditionen stammen übrigens noch aus einer Zeit weit vor den Missionaren, zum Glück wurden für uns ein paar Ausnahmen von den Regeln gemacht.

Als Gegensatz zu diesem traditionellen Alltag wurde aber beispielsweise in Woleai gerade eine Satellitenschüssel installiert, die die Insel ab sofort mit Internet versorgen wird. Das erste Jahr gratis, kostet es später 300 USD im Monat. Es gibt zwei Autos auf der Insel und einen Riesengenerator, der abends für elektrisches Licht sorgt und die Hütten mit Strom für Kühlschränke versorgt. Zu den übrigen Insel im Atoll fährt man mit GFK-Booten mit 30 PS Außenbordern und die Krankenstation und Apotheke zählt zu den best ausgestattesten im Nordwest-Pazifik. Nächsten Monat werden Solarzellen für das ganze Dorf geliefert, die von der EU gesponsort wurden. Wir staunen nur noch so. Anscheinend funktioniert die Verwaltung in Yap um Welten besser als in Chuuk.

Wir hätten es schon noch ein paar Tage in Woleai ausgehalten, aber eine tropische Depression in der Nähe von Chuuk mit dem Namen „93 W“ bereitet uns gerade etwas Kopfzerbrechen. Die Meteorologen sind sich völlig uneinig, welche Zugrichtung das Tief haben wird und so sind wir erstmal aus Woleai geflüchtet, weil dort der Ankerplatz nicht so gut geschützt ist. Von einem Zyklon ist noch nicht die Rede, aber 50 Knoten Wind vor Anker aus der falschen Richtung machen auch keinen Spaß. Die Wahl lag nun zwischen Yap und Palau. Letztendlich sind wir nun unterwegs nach Yap, weil es ca. 2-3 Tage weniger Segelzeit bis dorthin sind und wir uns dann rechtzeitig einen guten Unterschlupf suchen können. Im Moment haben wir noch 90 Seemeilen vor uns und wir rechnen damit, dass wir Mittwoch in der Früh dort ankommen. Und dann heißt es erst mal abwarten, wie sich das Tief weiterentwickeln wird. Im besten Fall zieht es einfach an uns vorbei. Drückt uns die Daumen!

Ein neuer Herd für Tonia

Eines Abends in Puluwat kam Tonia im Auslegerkanu angepaddelt. Tonia arbeitet als Lehrerin in der puluwatischen Schule. Als „Bezahlung“ für eine medizinische Beratung hat sie erstmal vier Kokosnüsse vorbeigebracht. Eigentlich verlangen wir für solche Dienste natürlich nie irgendetwas, aber gelbe Trinkkokosnüsse zurückzuweisen wäre auch doof – die sind nämlich oberlecker ;-). Das folgende Gespräch will ich nu gar nicht weiter breittreten, aber wir kamen auch ganz allgemein auf die Gefahren des Rauchs vom offenen Kochfeuer zu Sprechen. Weltweit ist der Kochfeuerrauch die Hauptursache für Lungenkrankheiten. Im Internet hatte ich mal eine Bauanleitung für einen sog. „Rocket Stove“ (bitte googeln, hier in der Pampa komme ich leider nicht an konkrete Links ran) gefunden. Und so vereinbarten wir, dass wir am nächsten Morgen vorbeikommen würden und wir gemeinsam so ein Teil zusammenschustern.

Ein Rocket Stove wird aus einfachsten Materialien – einem alten Blecheimer und einigen Konservendosen – gebastelt, schlägt aber das offene Kochfeuer in fast allen Belangen: – Die Verbrennung läuft viel heisser und damit sauberer ab – weniger Rauch.
– Es wird viel weniger Brennmaterial benötigt – somit braucht es viel weniger Zeit zum Brennholz sammeln. – Die Speisen sind außerdem viel schneller gar.
– Er ist transportabel und kann sogar dort zum Kochen verwendet werden, wo es üblicherweise nicht praktisch wäre ein Kochfeuer zu entzünden.

Tonia hatte einen alten Alutopf rumstehen, der ein Loch im Boden hatte. Dazu noch drei leere Gemüsedosen als Brennkammer und nur mit Blechschere und Dosenöffner bewaffnet gings los. In 20 Minuten war das Werk vollbracht. Die umstehenden Kinder wurden zum Sammeln von Korallenkies losgeschickt. Dieser wurde dann benutzt um den Raum zwischen Topf und innerer Brennkammer aufzufüllen. Üblicherweise wird dafür Holzasche verwendet, diese war aber leider nicht in ausreichender Menge vorhanden – die puluwatischen Frauen halten ihre Küche picobello in Ordnung und bringen deshalb auch die Asche regelmäßig weg. Korallenkies enthält viele Luftblasen und wir hofften so eine ausreichende Isolierung nach aussen hinzubekommen, was letztendlich dann auch recht gut geklappt hat. Sobald der Topf mit Korallenkies aufgefüllt wurde, wurde alles zu einer kompakten stabilen Einheit.

Das Anzünden überließ ich Tonia- sie ist schließlich die Holzfeuerexpertin und kurz darauf brannte das Feuer. Nach einigem Experimentieren brannten auch die hier üblicherweise verwendeten Kokosnussschalen gut und der erste Topf mit dem Nationalgericht Bananen in Kokosmilch wurde aufgesetzt. Tonia war hin und weg. Alle unsere Vorraussagen wurden bestätigt. Das Essen war viel schneller fertig, es entstand viel weniger Rauch und der verminderte Brennstoffverbrauch war lt. Tonia wirklich frappierend. Nach nur einem Gericht meinte sie, dass sie nun nur noch auf dem Herd kochen würde. Tonias Schwester brachte dann noch das Topfgestell für den Petroleumherd, der wie die Faust aufs Auge auf den Rocket stove passte. Jetzt sieht er aus wie gekauft. Übrigens: Der Petroleumkocher ist natürlich nie in Gebrauch – wer kann sich schon Petroleum leisten.

Für das nächste Gericht wurden gleich alle Brüder, Onkel und Tanten in der näheren Umgebung dazugerufen. Alle waren schwer beeindruckt. Mal sehen, ob sich der neue Herd längerfristig hält, oder gar durchsetzt… die Lungen der Frauen würden es ihm Danken.

Wer sich übrigens wundert warum wir immer noch olle Kamellen aus Puluwat zum Besten geben, obwohl unsere Position schon Woleai anzeigt – in Puluwat ist unser Airmail-Laptop (der mit Bluetooth) eingegangen, so dass wir jetzt erst mit ca. zwei Wochen Zeitverzug, mit geliehenem USB- Kabel von der SY Lorelei, wieder Mails verschicken können. Das alte Kabel von uns wollte auch nicht mehr funktionieren, Technik auf See halt…

Autor: Christian

Fischen auf Mikronesisch

Samstags fahren in Puluwat, wie auch in Auckland und in Kiel, die Jungs zum Fischen raus. Früh am Morgen um fünf standen Josh und Ben von der SY Maria sowie meine Wenigkeit im Dorf auf der Matte. Schon seit Tagen wurde uns eine Ausfahrt versprochen und nun war keiner da. Natürlich weil es gerade wie aus Gießkannen schüttete. Hoffentlich hat Christine an Bord zwischenzeitlich unsere Regenrinne an den Wassertank angeschlossen. Mädels zum Fischen mitzunehmen war leider tabu.

Wir begaben uns auf Spurensuche nach Iber, dem ehemaligen Lehrer der Insel und unser Skipper für den heutigen Tag. Wir fanden ihn in der Nähe des Kanus in einer Palmhütte hockend. Gute Nachrichten, der Gewitterschauer lässt in ca. einer halben Stunde nach und dann gehts raus. Wind gäbe es zwar nur wenig, aber ’nen Tag auf See wollte sich keiner nehmen lassen. Bei nachlassendem Regen wurden noch schnell ein paar Palmwedelstrünke abgeschnitten und als rutschige Unterlage für die Slipbahn benutzt.

Mit vereinten Kräften wurde das Kanu ins Wasser geschoben und mit 7 bis 8 Paddelstärken aus der Lagune „motort“. Im Pass wurde das Segel gesetzt. Bei den hiesigen Auslegerkanus werden so genannte „shunting“ Riggs verwendet. Der Ausleger bleibt immer in Luv und je nach Fahrtrichtung ist mal das eine, mal das andere Ende des Kanus vorne. Mast und Segel werden jeweils entsprechend von der einen auf die andere Seite gewuchtet. Sieht gerade zu Beginn sehr abenteuerlich aus, ist aber, wenn zwischen den Wellen genau zeitgerecht ausgeführt, recht einfach. Die Jungs zumindest hatten einige Routine.

Zuerst gings mal am Wind auf dem dem Atoll vorgelagerten Flach nach Luv. Ein Ruder wurde nicht verwendet, das Boot steuert sich alleine durch Dichtholen und Fieren der Großschot. Nur wenn wirklich hart am Wind geknüppelt wird, oder ein präziser Kurs gefahren wird, dann kommt das Ruder zum Einsatz. Wie vorhergesagt war heute bei 1-2 Windstärken kein Starkwindsegeln angesagt, allerdings hätten wir auf der Thor einen wahrlich besch…eidenen Segeltag mit schlagenden Segeln und 1- 2 Knoten Fahrt durchs Wasser gehabt, während die schlanken Auslegerkanus mühelos 3 Knoten Fahrt machten und Dank des zweiten „Rumpfes“ kaum rollten. Einige der Kanus waren nur mit einer Person besetzt und hatten nochmal deutlich schlankere Rümpfe, diese düsten natürlich allen davon und waren im Nu am Horizont.

An bestimmten Stellen im Riff, welche etwas flacher waren, wurde „geparkt“ und alle fingen an mit Haken und Grundblei einige Köderfische zu Angeln. Im Nu waren an die zwei Dutzend davon an Bord. Mit einem schnellen Biss in den Kopf waren die Burschen betäubt und schnell gings mit frischem Fischköder auf größere Fische. Nach einigen mittleren Fischen, hauptsächlich irgendwelche Makrelenarten, gings dann weiter zum Schleppangelfischen und nach einiger Zeit ging dann auch ein recht kapitaler Wahoo an die Angel. Die Jungs meinten, dass ihnen für ihre Verhältnisse das Anglerglück nicht gerade hold war, die Woche zuvor wären über 100 Fische an einem Tag zusammen gekommen, aber wir verbuchen das einfach Mal unter Vorführeffekt ;-).

Trotz Hut, Kleidung und Sonnencreme kamen wir Westler nach einem vollen Tag auf dem Wasser natürlich gut durchgebraten wieder zurück, und obwohl unsere Schleppköder überhaupt keine Fische gefangen haben, wurden wir trotzdem großzügigst am Fang beteiligt. Der Wahoo, immerhin fast 25 cm Durchmesser an der dicksten Stelle wurde mit einigen schnellen Hieben mit der Machete zerteilt wie ein Stück Holz. Unser „Steak“ wurde dann nochmals längs durchhälftet und in ca. 8 Sekunden war damit das „Schlachten“ des ca. 1,3 Meter langen Tieres erledigt. Übung macht den Meister.

Autor: Christian

Eine Woche in Puluwat

Über eine Woche leben wir nun schon in Puluwat, die Zeit ist wie im Flug vergangen. Gleich am Tag nach Ankunft wurden wir zum Jahrestag der Diözese zur Party bei den Katholiken der Insel eingeladen. Natürlich gibt es auf dem 400 Seelen Eiland zwei Dörfer und zwei Kirchen (lutheranisch und katholisch). Vor Ankunft der Missionare haben sich beide Dörfer wortwörtlich bis auf den Tod bekämpft, so haben die Missionare tatsächlich etwas Gutes bewirkt.

Die Diözesanfeier ging mit viel Palaver und Gesang einher. Eine Elektroorgel wurde immer von Familie zu Familie weitergereicht. Jede Familie musste natürlich ihre eigene Batterie beisteuern, und so war man ständig am Batterie an- und abklemmen. Vor allem die Frauen und Kinder sangen wunderschöne mikronesische Lieder, während die männlichen Familienoberhäupter dazwischen reihum Reden schwangen. Gegen Mittag dann wurde zum Essen gerufen. Zur Feier des Tages wurden fünf Meeresschildkröten aufgefahren.

Extra für uns wurde Tisch, Stühle sowie Teller und Gabel herangekarrt und so saßen wir dann auf dem Präsentierteller und wurden bestaunt, wie wir versuchten unsere Monsterportion bestehend aus Reis, Banane, Taro, Brotfrucht, Fisch und Schildkröte zu verdrücken. Die Dorfbewohner sind traditionellerweise am Boden gesessen, nur der Chief selbst saß noch auf einem Stuhl. Wen es interessiert, Schildkröte schmeckt witzigerweise tatsächlich etwas wie Hühnchen, das mit Fischmehl gefüttert wurde.

Am Nachmittag kam dann die SY Maria mit Ben und seinem Sohn Josh angesegelt. Beide kannten wir schon aus Pohnpei und so wurden dann die zwischenzeitlich gemachten Erfahrungen beim abendlichen Kaffee besprochen.

Tags darauf nahmen wir das Segelkanu, welches uns beim Einlaufen entgegenkam, näher in Augenschein. Komplett aus Brotfruchtbaumholz und Materialien, die auf den winzigen Atollen des Pazifiks zu finden sind, gefertigt, ist es ein Meisterwerk an Einfallsreichtum und Ingenieurskunst. Nur ganz wenige moderne Materialien haben sich im Laufe der letzten Jahre eingeschlichen, das meiste findet sich als Strandgut auf der Insel von selbst ein. Die Planken wurden früher mit Kokosfasern abgedichtet, heute benutzen sie statt den Kokosfasern Schaumstoff. Dieser hält deutlich länger dicht, bis zu zehn Jahre. Die Verschnürung, die die Planken miteinander verbindet, bestehen heutzutage ebenfalls aus monofiler Angelleine, und natürlich ist sämtliches Tauwerk mittlerweile aus synthetischem Material. Die einzige größere Anschaffung die getätigt wird, ist das Segel aus Dacron. Dieses hält dann aber wegen des sehr einfachen Schnitts ca. 30 Jahre.

Eines der Kanus ist gerade zur Reparatur in der „Werft“ und da konnten wir dann mit eigenen Augen die Bootsbaukunst der Puluwatesen bewundern. Im Prinzip werden zur Fertigstellung des Bootes gerade mal fünf Werkzeuge benutzt. Buschmesser, Querbeil, Feile, Handbohrer und Säge.

Als Dichtmittel und Kleber wird Brotfruchtbaumsaft verwendet. Nachdem man die Rinde angeritzt hat wird der Saft in Blechdosen aufgefangen und dann durch Verdunstung und regelmäßigem Umrühren bis auf Kaugummikonsistenz eingedickt. Die Masse wird dann auf Stöcke „aufgewickelt“ und über Feuer erhitzt, sodass sie flüssig und richtig klebrig wird. Das wird dann auf die abzudichtende Fläche aufgestrichen. Bevor das Ganze abkühlt werden dann schnell die Bauteile verbunden und mit einer temporären Lasching festgezurrt. Innerhalb von 4-5 Tagen härtet der Kleber aus, dann kann eine permanente Schnürung angebracht werden.

Die Planken werden grob mit Buschmesser und Säge vorgearbeitet und dann mit dem Querbeil so lange bearbeitet, bis sie perfekt an die vorgesehene Stelle passen. Mit jedem Beilschlag werden hauchdünne (!) Späne abgehobelt. Zumindest für uns, die wir aus einer Welt kommen in der alles exakt Gefertigte mittlerweile von Maschinen erledigt wird, war es kaum vorstellbar wie genau die Burschen hier nur mit einfachsten Werkzeugen, Augenmaß und jahrelanger Übung eine solche Präzision erreichen. Die Spaltmaße der Planken sind im Millimeterbereich.

Gerade die großen Segelkanus sind nur gemeinschaftlich zu unterhalten. Kein Wunder also, dass das halbe Dorf mithilft. Während der Arbeit sorgt die Eignerfamilie für das Catering für die Arbeiter, und so war es nicht verwunderlich, dass schon wieder Schildkröte auf dem Speiseplan stand.

Während die Männer am Kanu arbeiteten, flochten die Frauen bunte Matten aus Pandanussblättern. Auch Stoffe für Röcke werden von den Frauen noch selbst gewebt. Traditionell aus Hibiskus und Kokosfasern, heutzutage mehr und mehr aus Baumwollfäden. Gerade die älteren Frauen sind oft noch „oben ohne“, wenn aber westlicher Besuch im Dorf ist, oder fürs Foto wird dann schnell ein Oberteil angezogen.

Zwischen Puluwat und den umliegenden Inseln herrscht reger Segelkanuverkehr. Entfernungen bis um die 100 Seemeilen sind absolut nichts Ungewöhnliches und werden regelmäßig zurückgelegt. Oft immer noch ausschließlich anhand der Sterne und Wellenbilder.

Das Kanu das zur 40 Seemeilen entfernten Insel Pulusuk aufgebrochen war, kam im Lauf der Woche beladen mit Kokosnüssen wieder zurück. Zur großen Diözesanfeier auf einer der Nachbarinseln in ein paar Wochen wird mit Kind und Kegel hingesegelt.

Die längste Fahrt in jüngerer Zeit war von Puluwat zum ca. 500 Seemeilen entfernten Guam. Die Überfahrt dauerte drei Tage. Für ein japanisches Museum wurde ein puluwatisches Segelkanu, komplett aus traditionellen Materialien gefertigt, überstellt. In Guam wurde es dann per Frachter weiter nach Japan verschifft. Projekte wie dieses sind eine der wenigen Gelegenheiten für das Dorf Geld zu verdienen. Die Menschen hier leben ansonsten fast ausschließlich von Eigenbedarfslandwirtschaft und Geldern, die von Verwandten aus Übersee nach Hause geschickt werden. Fürs tägliche Leben brauchen sie auch kein Geld, aber für Dinge wie etwa mal ein Fährticket nach Chuuk oder westliche Lebensmittel wie Reis, Kaffee, Dosenfleisch oder Zucker, die alle 6 Monate mit dem Versorgungsschiff geliefert werden.

Jeden Samstag, wenn es das Wetter zulässt, fährt die örtliche Fishfangflotte raus zum Fischen.Der Fang wird dann gleichmäßig an die Familien der beiden Dörfer verteilt. Niemand muss hier hungern, auch wenn man kein eigenes Land besitzt. Ben, Josh und ich waren letzten Samstag mit von der Partie, aber das schreibe ich mal in einem der nächsten Blogartikel.

Autor: Christian

Bei den Navigatoren

Nach einer Woche gemütlicher Überfahrt sind wir wohlbehalten in Puluwat angekommen. Natürlich hatten wir wieder Mal, zumindest für die erste Hälfte, überwiegend Schwachwind.

Unterwegs gingen uns erstmals zwei Wahoos an die Angel – die schmecken noch besser als die bisher überwiegend gefangenen Mahi-Mahis. Der zweite Bursche war so groß, dass wir fast die Hälfte davon heute noch in Gläser eingemacht haben. So haben wir länger was davon.

Hier in Puluwat sind die „Navigatoren“ zu Hause. Anders als auf so vielen Pazifikinseln ist hier das althergebrachte Wissen um die Navigation auf offener See noch vorhanden und wird auch praktiziert. Auch ihre Ausleger- Segelkanus bauen die Burschen hier noch selber. Standesgemäß kam uns am Morgen vor der Ankunft auch gleich ein ca. 8 Meter langes Segelkanu entgegen, welches für den Tag zum Fischen raus fuhr. Die Segeleigenschaften scheinen fantastisch zu sein, konnten sie doch bei der Rückkunft am Nachmittag in der Lagune gegen den doch recht beachtlichen Ebbstrom ohne große Probleme ankreuzen. Motor ist natürlich nicht vorhanden. Ein anderes Kanu ist gerade für einige Tage zum benachbarten, 40 Seemeilen entfernten, Pulusuk Atoll gefahren.

Im Ort selber merkt man die deutlichen Unterschiede zu den entwickelteren Archipelen wie Fiji oder Tonga. Hütten sind viel häufiger aus traditionellen Materialien gefertigt. Die Jungs haben zur Baseballkappe und NBA- Trikot einen Lendenschurz an. Ein kleines Versorgungsschiff kommt lediglich alle halbe Jahre mal vorbei. Die Dorfhäuptlinge bekommen als Gastgeschenk einen Sack Reis von uns.

Nach ausgiebiger Nachtruhe werden wir die Insel und ihre Bewohner, vor allem aber die Boote, etwas genauer in Augenschein nehmen. Wir werden berichten.

Autor: Christian