Eine Woche in Puluwat

Über eine Woche leben wir nun schon in Puluwat, die Zeit ist wie im Flug vergangen. Gleich am Tag nach Ankunft wurden wir zum Jahrestag der Diözese zur Party bei den Katholiken der Insel eingeladen. Natürlich gibt es auf dem 400 Seelen Eiland zwei Dörfer und zwei Kirchen (lutheranisch und katholisch). Vor Ankunft der Missionare haben sich beide Dörfer wortwörtlich bis auf den Tod bekämpft, so haben die Missionare tatsächlich etwas Gutes bewirkt.

Die Diözesanfeier ging mit viel Palaver und Gesang einher. Eine Elektroorgel wurde immer von Familie zu Familie weitergereicht. Jede Familie musste natürlich ihre eigene Batterie beisteuern, und so war man ständig am Batterie an- und abklemmen. Vor allem die Frauen und Kinder sangen wunderschöne mikronesische Lieder, während die männlichen Familienoberhäupter dazwischen reihum Reden schwangen. Gegen Mittag dann wurde zum Essen gerufen. Zur Feier des Tages wurden fünf Meeresschildkröten aufgefahren.

Extra für uns wurde Tisch, Stühle sowie Teller und Gabel herangekarrt und so saßen wir dann auf dem Präsentierteller und wurden bestaunt, wie wir versuchten unsere Monsterportion bestehend aus Reis, Banane, Taro, Brotfrucht, Fisch und Schildkröte zu verdrücken. Die Dorfbewohner sind traditionellerweise am Boden gesessen, nur der Chief selbst saß noch auf einem Stuhl. Wen es interessiert, Schildkröte schmeckt witzigerweise tatsächlich etwas wie Hühnchen, das mit Fischmehl gefüttert wurde.

Am Nachmittag kam dann die SY Maria mit Ben und seinem Sohn Josh angesegelt. Beide kannten wir schon aus Pohnpei und so wurden dann die zwischenzeitlich gemachten Erfahrungen beim abendlichen Kaffee besprochen.

Tags darauf nahmen wir das Segelkanu, welches uns beim Einlaufen entgegenkam, näher in Augenschein. Komplett aus Brotfruchtbaumholz und Materialien, die auf den winzigen Atollen des Pazifiks zu finden sind, gefertigt, ist es ein Meisterwerk an Einfallsreichtum und Ingenieurskunst. Nur ganz wenige moderne Materialien haben sich im Laufe der letzten Jahre eingeschlichen, das meiste findet sich als Strandgut auf der Insel von selbst ein. Die Planken wurden früher mit Kokosfasern abgedichtet, heute benutzen sie statt den Kokosfasern Schaumstoff. Dieser hält deutlich länger dicht, bis zu zehn Jahre. Die Verschnürung, die die Planken miteinander verbindet, bestehen heutzutage ebenfalls aus monofiler Angelleine, und natürlich ist sämtliches Tauwerk mittlerweile aus synthetischem Material. Die einzige größere Anschaffung die getätigt wird, ist das Segel aus Dacron. Dieses hält dann aber wegen des sehr einfachen Schnitts ca. 30 Jahre.

Eines der Kanus ist gerade zur Reparatur in der „Werft“ und da konnten wir dann mit eigenen Augen die Bootsbaukunst der Puluwatesen bewundern. Im Prinzip werden zur Fertigstellung des Bootes gerade mal fünf Werkzeuge benutzt. Buschmesser, Querbeil, Feile, Handbohrer und Säge.

Als Dichtmittel und Kleber wird Brotfruchtbaumsaft verwendet. Nachdem man die Rinde angeritzt hat wird der Saft in Blechdosen aufgefangen und dann durch Verdunstung und regelmäßigem Umrühren bis auf Kaugummikonsistenz eingedickt. Die Masse wird dann auf Stöcke „aufgewickelt“ und über Feuer erhitzt, sodass sie flüssig und richtig klebrig wird. Das wird dann auf die abzudichtende Fläche aufgestrichen. Bevor das Ganze abkühlt werden dann schnell die Bauteile verbunden und mit einer temporären Lasching festgezurrt. Innerhalb von 4-5 Tagen härtet der Kleber aus, dann kann eine permanente Schnürung angebracht werden.

Die Planken werden grob mit Buschmesser und Säge vorgearbeitet und dann mit dem Querbeil so lange bearbeitet, bis sie perfekt an die vorgesehene Stelle passen. Mit jedem Beilschlag werden hauchdünne (!) Späne abgehobelt. Zumindest für uns, die wir aus einer Welt kommen in der alles exakt Gefertigte mittlerweile von Maschinen erledigt wird, war es kaum vorstellbar wie genau die Burschen hier nur mit einfachsten Werkzeugen, Augenmaß und jahrelanger Übung eine solche Präzision erreichen. Die Spaltmaße der Planken sind im Millimeterbereich.

Gerade die großen Segelkanus sind nur gemeinschaftlich zu unterhalten. Kein Wunder also, dass das halbe Dorf mithilft. Während der Arbeit sorgt die Eignerfamilie für das Catering für die Arbeiter, und so war es nicht verwunderlich, dass schon wieder Schildkröte auf dem Speiseplan stand.

Während die Männer am Kanu arbeiteten, flochten die Frauen bunte Matten aus Pandanussblättern. Auch Stoffe für Röcke werden von den Frauen noch selbst gewebt. Traditionell aus Hibiskus und Kokosfasern, heutzutage mehr und mehr aus Baumwollfäden. Gerade die älteren Frauen sind oft noch „oben ohne“, wenn aber westlicher Besuch im Dorf ist, oder fürs Foto wird dann schnell ein Oberteil angezogen.

Zwischen Puluwat und den umliegenden Inseln herrscht reger Segelkanuverkehr. Entfernungen bis um die 100 Seemeilen sind absolut nichts Ungewöhnliches und werden regelmäßig zurückgelegt. Oft immer noch ausschließlich anhand der Sterne und Wellenbilder.

Das Kanu das zur 40 Seemeilen entfernten Insel Pulusuk aufgebrochen war, kam im Lauf der Woche beladen mit Kokosnüssen wieder zurück. Zur großen Diözesanfeier auf einer der Nachbarinseln in ein paar Wochen wird mit Kind und Kegel hingesegelt.

Die längste Fahrt in jüngerer Zeit war von Puluwat zum ca. 500 Seemeilen entfernten Guam. Die Überfahrt dauerte drei Tage. Für ein japanisches Museum wurde ein puluwatisches Segelkanu, komplett aus traditionellen Materialien gefertigt, überstellt. In Guam wurde es dann per Frachter weiter nach Japan verschifft. Projekte wie dieses sind eine der wenigen Gelegenheiten für das Dorf Geld zu verdienen. Die Menschen hier leben ansonsten fast ausschließlich von Eigenbedarfslandwirtschaft und Geldern, die von Verwandten aus Übersee nach Hause geschickt werden. Fürs tägliche Leben brauchen sie auch kein Geld, aber für Dinge wie etwa mal ein Fährticket nach Chuuk oder westliche Lebensmittel wie Reis, Kaffee, Dosenfleisch oder Zucker, die alle 6 Monate mit dem Versorgungsschiff geliefert werden.

Jeden Samstag, wenn es das Wetter zulässt, fährt die örtliche Fishfangflotte raus zum Fischen.Der Fang wird dann gleichmäßig an die Familien der beiden Dörfer verteilt. Niemand muss hier hungern, auch wenn man kein eigenes Land besitzt. Ben, Josh und ich waren letzten Samstag mit von der Partie, aber das schreibe ich mal in einem der nächsten Blogartikel.

Autor: Christian

3 Gedanken zu “Eine Woche in Puluwat

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