Knockdown auf der Zielgeraden

Seit gestern liegen wir sicher in der Tuzi Gazi Marina in Richards Bay / Suedafrika nach einer nicht gerade einfachen Ueberfahrt. Neptun hat es uns diesmal nicht einfach gemacht: von Flaute, Am-Wind-Segeln, bis zu einem Sturmtief, war alles dabei. Waehrend des Sturms wurden die Wellen so hoch, dass die Thor von einer Welle auf die Seite geworfen wurde. Unter Seglern wird dieser Vorgang „Knockdown“ genannt. Hier mal ein detaillierter Bericht zu unserer ersten richtigen Sturmerfahrung, der zwei Tage danach geschrieben wurde. Die restliche Zeit bis zur Ankunft hatten wir eigentlich relativ entspanntes Segeln und es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell man sich von so manchem Schrecken erholt. Nach einer Woche Abstand kommt uns alles schon gar nicht mehr so dramatisch vor.

Das vorhergesagte Tief hatte leider doch viel mehr Wind im Gepaeck, als wir dachten. Schon in der Nacht von Montag auf Dienstag hatten wir durchgehend 30 Knoten Wind. Tagsueber wurde das Wetter wieder richtig gut und die Sonne strahlte vom Himmel – aber nach wie vor ordentlich Wind. Da dieser jedoch wie vorhergesagt aus Ost/Suedost kam und auch das Tief keine andere Windrichtung bringen sollte, machten wir sehr gute Fortschritte und waren mit 6-7 Knoten (dank einer fuer uns guenstigen Stroemung) unterwegs. Fast glaubten wir schon, dass es einfach so weitergehen wuerde. Schliesslich waren in den Gribfiles auch nicht mehr als 30 Knoten Wind vorhergesagt.

Leider sollte sich diese Hoffnung aber nicht bewahrheiten. Kurz vorm Dunkelwerden zogen auch schon wieder dicke Wolken auf, der erste Regen setzte ein und die naechsten 16 Stunden hatten wir um die 40 – 45 Knoten – auf Nachfrage stellte sich heraus, es waren doch 47 Knoten an Deck – Wind (die Werte haben wir von der Aspasia, die ca. 20 Meilen suedlich von uns war und mit denen wir jeden Tag funken). Es war so viel Wind, dass selbst die kleine Fock noch zu viel war. Das Gross war schon lange geborgen. So packten wir dann in der zweiten Nachthaelfte auch noch die Fock weg und rollten die Genua auf Handtuchgroesse aus, sodass die Thor steuerfaehig blieb. Die Wellen betrugen so zwischen 5 und 6 Meter und waren so kurz und steil, dass sie sich auch schon brachen. Die Selbststeueranlage machte ihren Dienst aber nach wie vor sehr gut. Wir sassen auch einige Stunden draussen, um gegebenenfalls zu korrigieren, das war aber eigentlich nicht notwendig. So fuhren wir dann auch die ganze Nacht weiter. Beide hellwach und gleichzeitig todmuede, aber bis dahin ging alles gut.

Am Morgen, als der Wind sich gefuehlt langsam zu legen begann, geschah dann das Unglueck. Die Thor wurde von einem Brecher auf der vollen Breitseite erwischt und auf die Seite gelegt – ein sogenannter „Knockdown“. Trotz geschlossenen Niedergangs kamen zig Liter an Salzwasser herein. Der Inhalt des Kuehlschrankes auf der Backbordseite kippte in die Navieecke, die Oelflaschen hinter dem Herd verloren ihren Verschluss und flogen quer durch den Salon (natuerlich nebst diversen anderen Kochutensilien, Lebensmitteln, Buechern, etc.), und auch sonst war unter Deck der Ausnahmezustand ausgebrochen. Im Vorschiff und Bad blieb es eigentlich relativ trocken. Das Gute war, dass sich die Thor innerhalb von ein paar Sekunden wieder von selbst aufrichtete und wir wieder weitersegelten. Wir sprangen gleich nach draussen, um zu sehen, wieviel passiert war. Ich uebernahm die Pinne, damit wir nicht gleich noch einmal querschlugen und Christian machte sich daran, die sich losgerissenen Gegenstaende wieder zu sichern. Zwei Relingstuetzen waren abgebrochen, zwei weitere verborgen. Das Dach des Doghouses war an der Steuerbordseite abgehoben. Die Sperrholzteile waren lediglich auf Stoss verleimt. Zudem haben wir eine Scheibe im Doghouse verloren. Die Solarzelle an der Steuerbordseite ein Totalschaden und auch ein paar Kanister und sonstiges Zubehoer waren ueber Bord gegangen. Die Gasflasche am Heck glaubten wir auch schon verloren, als wir aber einen Blick nach hinten warfen, sahen wir sie am Schlauch am Heck baumeln. Die warme Kueche war also gerettet.

Mit dem Mast und den Segeln schien aber alles in Ordnung zu sein, das Ruder reagierte nach wie vor und auch sonst schien nichts Wesentliches an der Thor kaputt zu sein. Auch kein Loch im Rumpf und dergleichen. So segelten wir also die naechsten Stunden weiter. Um uns eine weisse See, Regen, 200m Sicht und verdammt viel Wind. Wie auf einen Schlag war der Wind dann ploetzlich weg, die Wolkendecke riss auf und die Sonne lachte frech vom Himmel. Haette das nicht drei Stunden frueher sein koennen?

Wir sind zum Glueck noch beide an Bord und unversehrt. Die Thor schwimmt und segelt wie vorher. Ein gutes Schiff! Der Rest sind viele kleine Reparaturen, die wir so jetzt nicht fuer unseren Suedafrika-Aufenthalt eingeplant haben. Die Bordkasse wird sich wieder einmal schneller leeren, als eigentlich geplant.

Unsere Elektronik hat auch einen Schwall Wasser abbekommen und gerade unser Kurzwellenfunkgeraet, will sich nicht mehr zu jeder Zeit einschalten lassen. Ein echter Daempfer, gerade jetzt brauchen wir ganz wichtig die Wettervorhersagen, denn wir haben keine Lust von einem an der suedafrikanischen Kueste gefuerchteten Suedweststuermen ueberrascht zu werden. Das hiesse dann Wind gegen den Agulhas-Strom und das wollen wir auf jeden Fall vermeiden. Unser Navtex scheint aber noch zu funktionieren, leider sind wir noch zu weit entfernt, um die Meldungen der Station aus Durban zu empfangen. Hoffentlich klappt das dann auch.

Heute haben wir dann das Funkgeraet zerlegt und in die Sonne zum Trocknen gelegt (ja, die Sonne scheint seit dem Knockdown wieder ununterbrochen, ha ha ha) und vielleicht funktioniert es wieder.

Den Motor haben wir auch zum Test gestartet. Der scheint zu funktionieren. Die Bilge und das Schiffsinnere werden nach und nach trockengelegt und die Spuren von Olivenoel und Salzwasser so gut wie moeglich beseitigt. Wir haben jetzt aber auch nicht Unmengen an Suesswasser zur Verfuegung, um alles gruendlich zu reinigen. Das kommt dann, wenn wir sicher im Hafen liegen.

Wenn wir morgens aufwachen, denken wir immer, dass es einfach ein schlechter Traum war. Wir segeln fein dahin, wenig Wind und Welle und die Sonne scheint. Tagsueber werden wir der vielen anstehenden Arbeiten aber doch wieder gewahr und so sitzen wir dann Abends traurig vor einem Essen, das uns gar nicht schmeckt.

Hoffen wir, dass wir die letzten 550 Seemeilen ohne Sturm schaffen, unser Nervenkostuem und die Stimmung an Bord sind doch ziemlich angeknackst.

Prost, Mahlzeit!

Prost, Mahlzeit!

7 Gedanken zu “Knockdown auf der Zielgeraden

  1. Hi

    Good to hear that you are safely arrived in Rikchards Bay. Hope it goes okay with getting repaired what you need. As long as you can see the mast above the water it is a good day:-)

    Greeting Stig A Ørsnes
    Ps Seiler soon from East London to Port Elizabeth

  2. Meine Güte! Und ihr wart unter Deck? Seid nirgends gegen geknallt? Was für ein Glück, dass es alles nur Sachschäden sind. Oh wir jubeln mit euch, dass ihr im sicheren Hafen liegt!!! Einen frohen 3. Advent!!!
    Es grüßen euch schon den Grill anheizend, die Conrads

  3. Oh, ihr Armen! Schlechte Strecke, aber zu erwarten! Habt ihr Zeit, euch zu erholen? Luft holen, ausatmen? Reparaturen machen? Drück euch die Daumen! Da ist doch noch eine Durststrecke vor euch, wenn ich mich richtig erinnere, die bis Kapstadt

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