Backsteine, Familienduschen und Feingewinde

Nach unseren zwei Tagen am supermalerischen Ankerplatz südlich der Insel Poel (gleich südlich des Eingangs zum „faulen See“) hatte der Wind auf Süd gedreht und es wurde Zeit weiter zu ziehen. Wir verholten uns nach Wismar in den Westhafen. Dort gibt es am Ende des Hafenbeckens rechter Hand Fingerstege für Gastlieger. Was für ein Luxus. Wegen den Abstandsregeln aufgrund der Coronapandemie kann an jedem Finger nur ein Boot liegen. Wir sind früh aufgebrochen und erreichten Wismar noch am Vormittag, so haben wir trotzdem einen Platz bekommen. Felix hat die kurze Überfahrt von Poel nach Wismar gut überstanden und scheint nicht nachtragend zu sein. Ab jetzt müssen wir wohl seglerisch sehr kleine Brötchen backen. Das wird auch bedeuten, öfter mal den Jockel anzuwerfen um bei Schwachwind zum nächsten Ziel zu gelangen.

Wismar ist ein Kleinod mit intakter Altstadt und toller, für den Norden so typischer, Backsteinarchitektur. Das Kopfsteinpflaster in Wismar ist jetzt nicht sooo Kinderbuggy geeignet, aber meist findet sich ein mit glatten Steinen gepflasterter Gehsteigabschnitt, der besser befahrbar ist. Wir hirschten erstmal rüber zum Wasserwandererhafen und haben dort kontaktlos unser Hafengeld per Umschlag in den Briefkasten der Hafenmeisterei gesteckt. Matjesbrötchen darf natürlich nicht fehlen, kurz noch einige Besorgungen im nahen Supermarkt und gut gestärkt erreichten wir wieder die Thor. Ansonsten kann man es hier sehr gut aushalten. Corona sei dank haben sie die alten sanitären Anlagen im Wasserwandererhafen geschlossen und genau vor unserer Nase im Westhafen zwei Container mit blitzsauberen Familienduschen platziert. Prima! Einen Waschsalon gibt es auch und außerdem eine Konditorei mit dem Namen Senf.


Am nächsten Tag waren etwas Wartungsarbeiten an der Thor angesagt. Ab jetzt wird es technisch!
Der Dieselfilter am Motor verliert schon seit einiger Zeit winzigste Mengen an Kraftstoff. Vermutlich kommt das über die Entlüftungsschraube oben am Vorfilter. Haarriss? Kaputter Dichtring? Gelegenheit macht Diebe und so war es an der Zeit da mal genauer nachzugucken. Ich bin vorsorglich schon mal zum gleich in der Nachbarschaft ansässigen freundlichen Motorfuzzi und habe eine Ersatzentlüftungsschraube besorgt. Leider ließ sich die Schraube gar nicht mehr rausdrehen und fester ziehen ging auch nicht. Nach genauer Inspektion treffe ich auf meinen alten Freund, den Aluminiumdruckguss. Das Gewinde des Filtergehäusedeckels war zerstört. Ich bin mit dem Teil kurzerhand wieder beim freundlichen Motorfuzzi aufgetaucht, vielleicht können die mir ja vor der Mittagspause noch die Schraube rauspressen und ein größeres Gewinde reinschneiden. Kommt aber noch besser: Die hatten ein passendes, gebrauchtes Filtergehäuse für kleines Geld auf Halde, sogar mit Wasserabscheiderglas! Also quasi noch ein Upgrade. Hurraaa! Zurück auf der Thor baue ich voller Stolz das Teil wieder ein, zerdepper dabei erstmal das Wasserabscheiderglas (Upgrade ade) und stelle dann fest, dass die Anschlüsse für die Kraftstoffleitungen nicht passen. Also alles wieder retour. Der freundliche Motorfuzzi hatte dann aber den Toptipp. Die Straße runter sitzt ein Hydraulikbetrieb, der könne mir ganz schnell neue Leitungen pressen. Gesagt, getan, nur noch schnell die Leitungen als Muster ausgebaut und nach deren Vorlage neue Leitungen mit den passenden Anschlüssen anfertigen lassen. Am Folgetag alles wieder eingebaut, Testlauf verlief soweit erstmal zufriedenstellend. Puha. Da der Motor warm war, gleich noch Ölwechsel gemacht und das Standgas neu eingestellt … eigentlich wollte ich ja nur eine einzige Entlüftungsschraube austauschen. Ist das aber bei Yachtkram nicht immer so? Hätte ich nicht so ein Glück gehabt, dass in 100 m Umkreis gleich die beiden entscheidenden Betriebe ansässig waren, dann hätte das einen erheblichen Mehraufwand bedeutet.

Überhaupt scheint mir die Infrastruktur für Wartungsarbeiten in Wismar recht brauchbar zu sein. Yachtausrüster, Motorenservicebetriebe und Segelmacher gefühlt an jeder zweiten Ecke und der halbe Hafen wird von einer riesigen Werfthalle überragt – für die gröberen Arbeiten. Hier kann man es schon eine Weile aushalten und wir haben momentan noch keine Eile mit der Weiterfahrt.

 

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