Port Resolution – Tanna Island

Hier in Port Resolution auf der Insel Tanna scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Was in Fiji zunehmend die Ausnahme war, ist hier noch die Regel, so scheint es. Die meisten Hütten des Dorfes sind noch ganz traditionell mit Palmwedeln gedeckt und haben Wände aus luftigen geflochtenen Matten. Wie so oft im Südpazifik, auch hier Leute, die vor Gastfreundschaft und allgemeiner Freundlichkeit nur so übersprudeln. Gleich nach Ankunft kommt Sam im Auslegerkanu vorbei und fragt ob er ein paar Taschenlampenbatterien gegen Pawpaw (Papaya) eintauschen kann. Wir haben leider nicht die passende Größe, bekommen die Papaya aber trotzdem. Wir haben dann noch ein bisschen Schokolade für seinen kleinen Sohn, der mit dabei ist. Auch sonst wird hier viel getauscht. Geld spielt im Dorf kaum eine Rolle, gefragt sind Stifte, Süßigkeiten, T- Shirts oder Shorts.

Beim Gang durchs Dorf sieht man allenorten die Kochfeuer vor den Hütten. Gaskocher gibt es nicht. Dreimal täglich wird über dem Lagerfeuer das Essen zubereitet. Ganz schön viel Arbeit für die Frauen. Hier fängt die Essenszubereitung nicht mit dem Griff in den Kühlschrank, sondern mit Feuerholz sammeln an. Die Männer sind ebenfalls nicht untätig. Gartenarbeit, Fischen und Jagen sind tägliche Verrichtungen.

Täglich um kurz nach vier kommen die Männer, Frauen sind „Tabu“, dann am Versammlungsplatz zur Gemeinderatssitzung zusammen, bei der jeder Erwachsene mitmachen kann. Jonathan das Dorfoberhaupt – er ist erstaundlich jung für den Job, so geschätzt Mitte/ Ende Zwanzig – hat den Vorsitz. Es werden dort wichtige Dinge besprochen. Als wir beiwohnten, ging es um ein paar Dorfbewohner, die anscheinend ein Huhn aus dem Nachbardorf gestohlen hatten. Solche Dinge werden hier in Port Resolution untereinander, meist mit viel Kavageschenken, erledigt. Man erklärt uns, dass sie hier „das Gesetz“ (im Sinne von die Obrigkeit aus der Stadt) nicht wirklich brauchen. Zur Kavazeremonie bzw. Versammlung durften dann auch tatsächlich nur die männlicher Segler hingehen, nicht einmal der Dorfplatz darf während der Zeremonie von Frauen betreten oder überquert werden. Die Mädels hielten dann ihre eigene Zeremonie an Bord der Kira mit eisgekühltem Weißwein aus Neuseeland ab. Ein kleiner Trost. Schließl
ich kann man sich das in Europa gar nicht mehr vorstellen, dass Frauen bei solchen Versammlungen ausgeschlossen sein sollen.

Bei Einbruch der Dämmerung geht der offizielle Teil über in den geselligen und der Kava wird zubereitet. Anders als in Fiji oder Tonga wird die getrocknete Kavawurzel nicht einfach im Mörser zerstampft und mit Wasser angerührt, sondern die Zubereitung ist um einiges komplizierter. Die frische Kavawurzel wird zerkaut, der Brei dann wieder ausgespuckt und auf einem großen Blatt gesammelt. Es wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir den Brei nicht schlucken. Anschliessend kommt der Batzen in ein Tuch und wird mit Wasser über einer Kokosnussschale ausgewrungen. Jeder bekommt also hier was von des anderen Spucke ab. Sicherlich sehr förderlich für den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft. Vielleicht wäre das Mal ne Maßnahme für unsere anonymen Großstadtwohnblocks. Leider sehen die meisten Gebisse ein wenig so aus, als trainieren sie für den Mr. Zahnstein Wettbewerb, und so gruselt es den Autor schon ein wenig beim Schlürfen der Brühe. Aber wozu hat man denn in jungen Jahren Überleb
enstraining gemacht. Augen zu und durch. Da frische Wurzeln verwendet werden, ist die leicht sedierende Wirkung von Kava deutlich stärker als in den Nachbarländern und so kehrt am Versammlungsplatz bald Ruhe ein.

Man unterhält sich mit seinem Nachbarn im Flüsterton, das Lagerfeuer knistert und so erfahren wir, dass viele der Anwesenden hier tatsächlich Anhänger von Jon Frum sind. Diese Glaubensrichtung enstand in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Jon Frum ist auf der Insel einigen Kavatrinkern erschienen. Seine Botschaft war, dass unermesslicher Reichtum zu den Insulanern kommen würde, wenn sie nur die weißen Kolinialherren loswerden würden. Kurz darauf kam dieser Reichtum dann auch in Form der US- Army mit ihren teils schwarzen GIs in den lustigen Uniformen mit den bunten Abzeichen und einem schier unerschöpflichen Vorrat an Cola und Zigaretten. Mittlerweile war nämlich der zweite Weltkrieg ausgebrochen und die Amerikaner hatten auf Vanuatu einige Stützpunkte errichtet, um den Vormarsch der Japaner zu stoppen. Nach Abzug der Amerikaner war es natürlich aus mit dem reichen Strom an Gütern (Cargo) der in Frachtflugzeugen (cargo planes) herangekarrt wurde. Deshalb fingen di
e Einwohner dann an, selbst Landebahnen anzulegen, Antennen aus Dosen und Draht zu basteln und mit riesigen Flugzeugen aus Holz die Frachtmaschinen zur Wiederkehr zu bewegen. Rote Kreuze wurden überall in Tanna aufgestellt, da diese kostenlose medizinische Versorgung verhießen. Der Cargo- Kult war geboren.

Bestandteil der Religion Jon Frums ist der tiefe Glaube an Geister. Viele der Männer im Dorf sind für einen Geist „zuständig“. Nelson, der nette Herr der uns bei der Gemeinderatssitzung von seinem Kava abgegeben hatte, ist beispielsweise für die Brotfrucht zuständig. Ab und an geht er in den Wald, beschwört seine Geister und schon klappt es dann mit der Brotfruchternte. Genauso wie man mit einem Büschel Kava zum Wetterbeauftragten geht, wenn beispielsweise Regen gewünscht ist. Was sich für unsere Ohren durchaus komisch anhört, ist für die Einheimischen hier eine völlig banale und normale Sache. Etwa genauso wie wir zu Hause unseren Geschirrspüler anstellen und dann hinterher sauberes Geschirr rauskommt.

Auf Tanna steht Mount Yasur, einer der wenigen fast ständig aktiven Vulkane der Erde. Der rote Widerschein des Kraters ist von der Ankerbucht aus zu sehen. An den Hügeln der Ankerbucht steigen an verschiedenen Stellen regelmäßig kleine Rauchsäulen auf. Bei der Fahrt auf die andere Seite der Insel nach Lenakel führt der Weg dicht daran vorbei. Kilometerweite Aschefelder ergeben eine grotesk schwarze Landschaft und erinnern bis auf die Farbe an Dünenlandschaften. Über einem grollt der Vulkan und spuckt regelmäßig Steine und Qualmwolken aus – irre.

Das Einklarieren in der Stadt Lenakel auf der Westseite der Insel ging relativ problemlos von statten. Zum Glück hatten wir genug Bargeld zum Wechseln. Geldautomaten für unsere Kreditkarten sind Fehlanzeige. Andere Yachten mussten sich erst selbst von der Kreditkarte mit Western Union Geld überweisen, z. T. mit recht heftigen Gebühren. Die Fahrt nach Lenakel auf der Ladefläche eines Pick- ups dauerte ca. 2 Stunden. Hätten wir mal unsere Kissen mitgenommen. Die Straßen waren nämlich bestenfalls Feldwege.

In der Stadt selbst wird deutlich, dass der Lebensstandart (nach westlichen Maßstäben) deutlich niedriger ist als z. B. in Fiji. Die Grundschule ist noch kostenlos für alle und offensichtlich geht auch so gut wie jedes Kind da hin, aber schon die nächste weiterführende Schule ist mit recht happigen Gebühren verbunden, sodass z.B. nur ein (!) Kind aus „unserem“ Dorf diese besucht. Die Läden in Lenakel sind für den Hauptort der nicht gerade kleinen Insel Tanna doch recht trostlos. Einige Konserven, natürlich Coca- Cola und etwas Billigkram aus China – das wars. Die Läden auf deutlich kleineren Inseln in Fiji hatten mehr Auswahl und Angebot.
Das Auto wird hier mit dem Meßbecher aus einem Blechtank vollgetankt. Zapfsäulen gibt es nicht.

Das waren so im Wesentlichen die ersten drei Tage hier in Vanuatu. Fast mehr Eindrücke als wir im Moment verarbeiten können, aber das ist ja das Salz in der Suppe.

Wir werden die nächsten Tage Mal bei Sonnenuntergang auf den Vulkan kraxeln und uns die Lavageschichte angucken. Bilder gibts leider noch keine. Internet ist hier entweder nicht existent oder exorbitant teuer. In Port Villa der Hauptstadt, zwei Inseln weiter, werden wir hoffentlich wieder besser vernetzt sein.

3 Gedanken zu “Port Resolution – Tanna Island

  1. Danke für den schönen Bericht. Sitzen hier gemütlich und planen die nächsten Urlaubstage- Bierkeller der Fränkischen Schweiz…. Der krasse Gegensatz zu Eurem Programm aber wenigstens dürfen Frauen mit🙂
    LG Annette

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